© FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 20. November 2008
Viktor Juschtschenko im Gespräch

Am Wochenende begeht die Ukraine den 75. Jahrestag der von Stalin herbeigeführten Hungersnot von 1932/33. Die Erinnerungspolitik des Landes sei “obszön”, sagen Kritiker. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko weist das zurück:”Ich wollte der Opfer immer gemeinsam mit den Russen gedenken.”
FAZ: Herr Präsident, am Wochenende begeht die Ukraine den 75. Jahrestag der von Stalin herbeigeführten Hungersnot von 1932/33. Aber der russischen Präsident Medwedjew hat ihre Einladung nach Kiew ausgeschlagen, weil seiner Meinung nach die ukranische Führung die Erinnerung dazu missbraucht, das ukranische Volk dem russischen zu entfremden.
Viktor Juschtschenko: Die Haltung des Präsidenten zur Tragödie, die sich damals zugetragen hat, ist alles andere als angemessen. In der Ukraine sind damals bis zu zehen Millionen Menschen gestorben. Es gibt praktische keine Familie, die damals nicht Vater, Mutter oder Kinder begraben musste. Der Holodomor war vielleicht die größte humanitäre Katastrophe der Welt.
FAZ: Andere Fachleute gben nur etwa ein Drittel bis halb so viele Tote an wie Sie.
Viktor Juschtschenko: Für mich ist die Zahl nicht das Problem. Wenn wir uns aber die Volkszählung von 1926 ansehen, dann kann mit gewisser Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass meine Zahl objektiv ist. Wenn wir die Zahlen von 1926 und 1937 vergleichem zeigt sich, dass 1937 elf Millionen Ukrainer fehlten. Wir glauben, dass die Mehrheit der fehlenden Menschen verhungert ist. Die Tragödie war dabei kein Naturereignis. Sie war ein geplanter Mord. Sie ist damit auch eine Seite unseres Kampfes für unsere Unabhängikeit. Die Bauern, die damals starben, waren zu Sowjetzeiten der unabhängigste Teil der ukranischen Gesellschaft. Sie hatten Land und Vieh, sie waren unabhängig. Sie stellen die ukranische Nation dar, und deshalb nennen wir ihre massenhafte Ermordung Völkermord. Zur gleichen Zeit aber, zu der täglich 25. 000 Menschen verhundert, haben die Behörden sechs Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine abgezogen. Das Ziel war, diese Nation loszuwerden.
FAZ: Russland hat kürzlich eine Resolution der Vereinten Nationen zu dem Thema vereitelt und die ukranische Erinnerungspolitik “obszön” genannt.
Viktor Juschtschenko: Es ist wichtig, dass die Vereinten Nationen den Holodomor zur Kenntnis nehmen. Ich bin deshalb dankbar für die Entscheidung der Europäischen Union, die Ereignisse von 1932/33 zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erklären. Wir beschuldigen aber nicht die russische Bevölkerung. Wir klagen nur das kommunistische Regime an.
FAZ: War die Hungersnot nicht eine Tragödie der ganzen Sowjetunion?
Viktor Juschtschenko: Es stimmt, dass sie auch Russen und Kasachen traf. Aber was dort geschah, hatte andere Ausmaße und eine andere Stuktur . Die Hungersnot in der Ukraine erfasste 13 000 Dörfer. Nur in der Ukraine gab es die Politik der “schwarzen Bretter” kamen Dörfer, die nicht genug Getreide abgelieferten. Ans “schwarze Brett” kamen Dörfer, die nicht genug Getreide ablieferten. Niemand durfte dann mehr ein – oder ausreisen. Alle Lebensmittel wurden fortgeschafft. Das “schwarze Brett” bedeutet den Tod. Millionen von uns versuchten, ihre Familie zu retten, anderswo hinzufahren. Aber auch das wurde verboten. So etwas gab es nirgendwo sonst. Das Ziel war, den Willen der Nation zu ihrer Souveränität zu brechen. Manchmal starben die Leute, während die Fabrik nebenan weiter aus Getreide Spiritus herstellte, weil man alles den Destillationsanlagen zur Verfügung stellte. Weil das so ist, bestätigt der Absagebrief Präsident Medwedjews das Andenken der Toten. Wir ehren alle, die damals gestorben sind – in der Ukraine, in Russland, in Kasachstan, in Weißrussland oder in Europa. Aber sollten diese Erinnerungen uns wirklich entzweien? – Ich glaube, das muss nicht sein.
FAZ: Weil der künstliche Hunger damals auch andere Völker der Sowjetunion betraf, streiten die Wissenschaftler darüber, ob er tatsächlich als „Völkermord an der ukrainischen Nation“ richtig beschrieben ist. Ist es nicht gefährlich, wenn ein Staatsoberhaupt als oberster Historiker auftritt und strittige Begriffe zur Staatsdoktrin macht?
Viktor Juschtschenko: Der Holodomor ist bei uns durch Gesetz als Völkermord definiert. Meine Aufgabe ist nicht, irgendwelche Auffassungen durchzusetzen.
FAZ: Wie hat Ihre Familie den Hunger erlebt?
Viktor Juschtschenko: In meiner Kindheit horteten wir in meinem Heimatdorf Choruschiwka immer fünf bis sechs Säcke trockenes Brot im Keller. Wir hatten wenig zu essen, ich musste am Laden oft bis zu acht Stunden in Schnee und Regen Schlange stehen, um ein Stück Brot zu kaufen. Ich habe damals nicht verstanden, warum die Erwachsenen trotzdem diese Säcke nie anrührten. Wenn ich meine Großmutter fragte, sagte sie nur: Das musst du nicht wissen. Immer wenn wir gegessen hatten, strich sie nach Tisch die übrigen Brotkrumen in ihre Hand und aß sie. Wenn ich die Kühe zur Weide trieb, bemerkte ich, dass da so kleine Hügel auf der Wiese waren, und wenn ich die Großmutter fragte, sagte sie auch da wieder nur: Das musst du nicht wissen. Letztes Jahr fand man bei Charkiw bisher unbekannte Gräber von Hungertoten. Ich traf mich mit sechs Zeitzeugen und stellte fest, dass die meisten von ihnen ihre Aussagen nicht unterschreiben wollten. Als ich fragte, warum, sagten sie: Wir haben Angst. – Nach 75 Jahren! Wie meine Mutter, wie meine Oma, wie Millionen Menschen haben sie ein Leben in Angst hinter sich. Die Partei wollte eben nicht, dass diese Geschichten bekannt werden – genau wie jeder andere Verbrecher auch. Deshalb sage ich: Kommt in die Ukraine. Fragt die Zeugen. Informiert euch über die Kommunisten und ihre Verbrechen – und vielleicht werden unsere Kinder dann sicherer leben.
In meinem Dorf, in meiner Straße, fuhr jeden Tag ein Pferdekarren vorbei, um die Toten aufzusammeln. Im Herbst 1932 kamen dann schon zwei am Tag. Meine Oma sagte meiner Mutter damals: Geh nicht in die und die Straße. Dort gibt es eine Familie, die Kinder tötet und frisst.
FAZ: Empfinden Sie Solidarität mit den Opfern in Russland und in Kasachstan?
Viktor Juschtschenko: Ich wollte der Opfer immer gemeinsam mit den Russen gedenken. Der Holodomor sollte uns alle zusammenführen. Wir sagen aber nicht, dass damals nur Ukrainer verhungert sind. Zu den Opfern gehörten auch Juden, Russen, Weißrussen, die damals in unseren Dörfern lebten. Wir ehren sie alle. Es ist nicht wichtig, zu welchem Volk wir gehören.